22. August 2011 | 2 Kommentare | Tobias Reitz

Strampelt Strom! Organic Disco meets Fahrraddisko

Wer die „Morgenwelt Rocks Bühne“ betritt, muss kräftig in die Pedale treten. In der europaweit einzigartigen Fahrraddisko liefert deine Muskelkraft den Strom für den Sound der Organic Disco. Wie das funktioniert, erklärt Björn Hansen von Morgenwelt.

Moin Björn, Ihr habt die Fahrraddisko nach Deutschland geholt. Am 9. September bringt ihr die „Morgenwelt Rocks Stage“ in die Centralstation nach Darmstadt. Wie kommt man auf die Idee, den Strom für Partys und Konzerte erstrampeln zu lassen?


Wir waren auf der Suche nach einem Vehikel, mit dem sich Energie greifbar machen lässt. Auf irgendwelchen verschlungenen Pfaden haben wir schließlich von der Fahrraddisko erfahren. Sie wurde in San Francisco entwickelt und heißt dort „The Biker Bar“ – wird jedoch als reines Entertainment-Projekt begriffen. Ich bin überzeugt: Wer in der Fahrraddisko strampelt, bekommt ein Gefühl dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der Strom aus der Steckdose kommt. Wer einmal auf Fahrrädern in die Pedale tretend den Strom für die Party selbst erzeugt hat, der macht danach im Flur das Licht aus, wenn er im Wohnzimmer sitzt.

 

Wo war die Fahrraddisko schon überall im Einsatz?


Seit Juni 2010 sind wir mit der Fahrraddisko unterwegs. Das Highlight war sicherlich die Fahrradtour zum Melt!-Festival in diesem Jahr. Wir starteten in Hamburg, fuhren 500 Kilometer, sechs Tage entlang der Elbe nach Gräfenhainichen. In den Städten, in denen wir Halt machten, veranstalteten wir abends Konzerte mit Muskelkraft.

 

Ist die Fahrraddisko ist auch per Rad transportiert worden?


Um ehrlich zu sein, wir hatten ein Begleitfahrzeug dabei. All das Equipment der Musiker, das ließ sich leider nicht mit dem Fahrrad von A nach B bringen. Aber grundsätzlich kann man alles auf einem Fahrradanhänger transportieren. Vor genau einem Jahr in Berlin haben wir das gemacht (Video): Wir starteten an der Bar 25, radelten von dort an einen geheimen Ort und hatten alles dabei, was wir für die Party brauchten – ganz ohne Auto.

 

Findet Ihr denn immer Leute, die Lust haben in die Pedale zu treten?


Wir haben regelmäßig Schlangen vor den Fahrrädern. Wenn die Leute begreifen, die Musik geht tatsächlich aus, wenn keiner tritt, ist das ein echtes Aha-Erlebnis. Zudem ist es eine Besonderheit, dass die Gäste im Mittelpunkt stehen. Nicht nur die Musiker werden vom Publikum angefeuert, auch jene, die auf den Rädern sitzen. Für einen kurzen Moment sind sie der Star. Manchmal auch für einen langen. In manchen Elektroklubs hielten die Leute unglaublich lang durch. Was das für Gründe hatte, möchte ich mal nicht spekulieren.

 

Was für Fahrräder werden in der Organic Disco im Einsatz sein? Kann jeder sein eigenes Fahrrad zum Kraftwerk machen?


Unsere ersten Erfahrungen machten wir mit einer sogenannten Biker Bar. Das ist ein überdimensionaler Fahrradanhänger, in den ganz normale Fahrräder eingespannt werden. Über diese Fahrräder treibt man mit dem Hinterrad eine Welle an, die wiederum an einen Generator angeschlossen ist. In Darmstadt aber haben wir Spezialfahrräder dabei, bei denen der Generator in die Radnarbe eingebaut ist. Die höhere Übersetzung erhöht die Energie-Ausbeute. Die Generatoren in den Radnarben erzeugen Gleichstrom, der mit einem Frequenzumrichter in Wechselspannung umgespannt wird. Darin eingebaut sind sogenannte Kondensatoren, eine Art Akkus.

 

…und diese Akkus helfen, dass beim Fahrerwechsel nicht die Musik ausgeht?


Ja, wenn es einen Fahrerwechsel gibt, sorgen die Kondensatoren dafür, dass – je nachdem wievielt Leistung abgefordert wird – die Musik nicht direkt ausgeht. Wenn beide Fahrer gleichzeitig absteigen, geht die Spannung natürlich schnell zurück und es gibt keinen Strom mehr.

 

Das verspricht ja sportlich zu werden. Auch der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch wird vielleicht in die Pedale treten.


Ich bin gespannt, wie lang er durchhält. Der Trittwiderstand der Räder hängt davon ab, wie viel Energie abgefordert wird. Für ein Intro mit Gitarre und Sänger ist der Strom leicht erstrampelt. In dem Moment in dem der Bass einsetzt, wird’s schwer. Tieffrequente Töne verbrauchen mehr Energie als hochfrequente Töne. Wenn ihr den Oberbürgermeister also richtig fertig machen wollt, müssen Bässe her!

 

Wir wollen eine Party grüner machen, Du gleich eine ganze Stadt. Erzähl uns mehr vom Projekt Morgenwelt!


Morgenwelt ist ein Projekt, das sich übergeordnet der Frage gewidmet hat: Was passiert eigentlich, wenn das Öl alle ist? Je intensiver man sich mit dieser Frage auseinander setzt, desto mehr erlangt man die Erkenntnis, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit die größte Herausforderung unserer Generation ist. In Elmshorn, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern, fangen wir an. Gemeinsam mit Umweltverbänden und dem örtlichen Energieversorger hat sich Morgenwelt zum Ziel gesetzt, Elmshorn zu einer Modellregion für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit zu entwickeln und den Anteil alternativer Energieerzeuger in der Region peu à peu zu steigern. Wir organisieren Konferenzen (Morgenwelt Keynotes), Volksfeste (Morgenwelt Nachhaltica) und haben ein Videomagazin im Web (Morgenwelt Television). Und wollen nicht nur reden, sondern auch etwas tun: Deshalb gibt es jedes Jahr ein sogenanntes Morgenwelt-Programm. 2010 war das ein Energieprogramm in dessen Rahmen wir beispielsweise Beteiligungsmodelle an Solaranlagen anboten, dieses Jahr ist es ein Mobilitätsprogramm und im kommenden Jahr wollen wir in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut ein Programm rund um Energieeffizienz von Wohnhäusern auflegen.

 

Es gibt also viel zu tun…


Es gibt noch sehr viel zu tun. Die Umstellung auf erneuerbare Energien ist eine Lebensaufgabe. Ich hoffe, dass ich es noch erleben werde, dass wir bei 100 Prozent erneuerbare Energien sind. In Elmshorn brauchen wir, denke ich, noch 10 bis 20 Jahre.

 

Eine Organic Disco und eine Fahrraddisko allein machen die Welt nicht besser. Warum sind sie trotzdem wichtig?


Man muss Umweltschutz mit Spaß verbinden. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem was wir machen, was ihr macht, Robin Wood oder Viva con Agua und den klassischen Umweltorganisationen. Ihr erhobener Zeigefinger kommt nicht an. Sie machen einen eklatanten Fehler in ihrer Kommunikation. Wir machen Umweltschutz 2.0. Die Fahrraddisko oder eure Veranstaltung helfen, die Leute zum Nachdenken zu bringen, das kann die Initialzündung für Verhaltensänderungen sein. Vor allem tummeln sich bei solchen Veranstaltungen die jungen Menschen, die unser aller Zukunft in den kommenden Jahren gestalten werden. Es bringt nichts diese Themen im Altersheim zu diskutieren.

2 Kommentare

Tobias schrieb am 26. August 2011 um 16:58:

das ist ja mal eine richtig tolle Idee. Vielleicht ein wenig ungünstig, wenn man eigentlich tanzen will (bei der Fahrraddisko) aber auf jeden Fall richtig klasse.

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