Guerilla Gardening: Idealismus oder Kommerz?

Die Samenbomben, mit denen wir die ersten 100 radfahrenden Besucher der ORGANIC DISCO zu Guerilla Gardenern machen werden, liegen seit Montag in einer Darmstädter Gartenlaube. Bis das künftige Grün getrocknet ist, erklärt Kathrin Bernecker, diplomierte Industriedesignerin und Initiatorin unserer erdigen Matschaktion, die Hintergründe von Guerilla Gardening.
Von Kathrin Bernecker
Guerilla Gardening ist eine Bewegung, die in den achtziger Jahren in New York entstanden ist. Eine kleine Gruppe von Eingeweihten machte sich in „Nacht und Nebel“-Aktionen auf, öffentliche Räume durch Bepflanzungsaktionen grüner zu machen und sie so, zumindest symbolisch, „zurückzuerobern“.
Ihre Kritik galt dem Mangel an Grünraum in der Stadt, der mangelnden Selbstbeteiligung und persönlichen Entfaltung im städtischen Raum. Ihre „Waffen“ waren Pflanzen, dort ausgebracht, wo vorher Brachland war.
Der subversive Gedanke des Guerilla Gardening sprang schnell auf andere Städte über, wurde aber, nach wie vor, von kleinen Aktivistengruppen getragen, die auf den ersten Blick ein hehres Ziel verfolgten: nämlich einen sanften Protest, manifestiert in einer bunten Pflanzenvielfalt.
Schaut man heute, Jahre nach dem Beginn der Bewegung, etwas genauer hin, stellt sich die Frage, was übrig ist von den eher idealistischen Motiven der ersten Stunde.
Jedes Lokalblatt berichtet über nächtliche Pflanzaktionen, es gibt Anleitungen zum Guerilla Gardening für Jedermann, sogar das Magazin Vogue lichtet ihre Modestrecken in Guerilla Gardening Szenarien ab, die Models gehüllt in edle Designerstoffe. Es entsteht der Eindruck, dass Guerilla Gardening im Mainstream angekommen ist, dass es schick ist, im wahrsten Sinne en vogue, sich am subversiven Stadtgärtnern zu beteiligen.
Der nächste, fast logische, Schritt in unserer Konsumgesellschaft wäre, dass sich der Kommerz der Bewegung vollends annimmt und den Menschen suggeriert, dass wer „in“ sein will, sich als Freizeit-Gartenguerillero betätigen muss und auf ein entsprechendes Angebot an neuen und angesagten Gadgets zurückgreifen kann – das nötige Equipment, ready to use, findet sich dann im Laden um die Ecke und auf den Nobelmeilen der Welt.

Die Ankunft des Guerilla Gardening in der Welt des Konsums pervertiert die Idee und somit auch die ursprünglichen Mittel und Methoden par excellence und bedeutet das Ende der Bewegung und ihrer Motive im ursprünglichen Sinne.
In meiner Diplomarbeit soll die luxuriöse und dadurch ironisierende Darstellung des Equipments der Guerilla Gardener heute, angesiedelt im gehobenen Konsumgüterbereich, diese Entwicklung ad absurdum führen. Der Entwurf soll zum Denken anregen und die Pervertierung der Ursprungsgedanken kritisch aufzeigen.
Diese Kritik an der Kommerzialisierung und der damit einher gehenden Verwässerung des ursprünglichen Gedankens des Guerilla Gardening nehmen in der Produktlinie Gestalt an.
In der Interpretation einer Idee liegt mehr Verantwortung als der heutigen Konsumgesellschaft zugetraut werden kann. Ohne einen stetigen Prozess der Selbstreflexion können gute Ziele in falsche Bahnen gelenkt werden.
Think before planting!
Übrigens: Guerilla Gardening ist das Titelthema im neuen P-Magazin. Sichert euch ein Exemplar mit Samentütchen und macht die Welt ein wenig blumiger!
Tags: Diplomarbeit, Grüne Ideale, Guerilla Gardener, Guerilla Gardening, Kommerz, Konsum










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